Bodenbeschaffenheit: Ein kalkulierbares Risiko?

Egal ob Schneerennen im Winter oder Rennen auf Gras von Frühling bis Herbst, die Bodenbeschaffenheit ist ein ständiges Diskussionsthema. Die Meinungen trennen sich. Die einen sind überzeugt, dass fester Boden des Teufels ist, die anderen vertreten die Meinung, dass tiefer Boden wesentlich gefährlicher ist. Die einen befürworten, dass Rennen bei fragwürdigen Bodenverhältnissen nicht nur unter erschwerte Bedingungen gestellt, sondern abgesagt werden. Die anderen halten eine schwierige Bodenbeschaffenheit für ein kalkulierbares Risiko.

Pferdefrau durch und durch – Annina Widmer mit Jungpferden im Gestüt Kobylany. – Foto zvg

Pferdefrau durch und durch – Annina Widmer mit Jungpferden im Gestüt Kobylany. – Foto zvg

Die Fachfrau ist gefragt

Ich möchte diese weitreichende Thematik von fachlicher Seite beleuchten und habe dazu Annina Widmer angefragt. Annina Widmer ist früher selber Rennen geritten, arbeitet heute als Pferdeärztin mit eigener Praxis und ist selber Rennpferdebesitzerin. Sie kennt die Problematik also aus verschiedenen Blickwinkeln und ist als Pferdeärztin auch eine der Personen, die die Folgen von schlechtem Boden quasi «ausbaden» muss, indem ihr die verletzten Pferde anvertraut werden.

Liebe Annina, vielen Dank, dass du dir trotz deines Rund-um-die-Uhr-Berufes und deiner vielen anderen Aktivitäten die Zeit nimmst, diese Fragen zu beantworten. Zuerst wäre es schön, wenn du den Lesern erklären könntest was «schlechter Boden» konkret heisst. Wann ist eine Grasbahn zu hart, wann zu tief und bei welcher Bodenbeschaffenheit ist die Verletzungsgefahr grösser?

Annina Widmer: Es ist schwierig zu sagen wann eine Bahn zu hart und wann zu weich ist, denn der Wert des Penetrometers liefert nur einen Faktor. Wichtig ist aber auch, ob die Bahn regelmässig ist, ob sie eine gute Grasnarbe hat und auch wie sie in den tieferen Schichten aufgebaut ist. Wissenschaftlich bestätigt durch mehrere epidemiologische Studien ist, dass ein harter Boden das Verletzungsrisiko deutlich erhöht. Dies einerseits, weil die Rennen schneller gelaufen werden und die Geschwindigkeit mit der Belastung auf die Gliedmassen korreliert, und andererseits weil die Schockabsorption bei hartem Boden geringer ist. Ich würde sagen ein Bahnwert unter 3 ist grenzwertig. 

Ein tiefer Boden ist aus meiner Erfahrung weniger ein Problem. Es gibt aber kaum Studien darüber, respektive bei den epidemiologischen Studien mit mehreren Tausend Rennpferden war ein zu weicher Boden nie ein Risikofaktor für Verletzungen. Man weiss aber, dass bei Humanathleten viele Verletzungen durch Inkoordination und Fehltritte infolge Müdigkeit entstehen. Dies kann ich mir auch bei Pferden vorstellen, wenn der Boden wirklich sehr schwer ist und die Pferde Fehltritte machen.

Viele Sehnenverletzungen bei zu hartem Boden

Welche Verletzungen resultieren aus schlechten Bodenverhältnissen und sind es bei hartem die gleichen wie bei tiefem Boden oder sind einige Verletzungen typisch für das eine oder das andere?

Bei harten Bodenverhältnissen sind Sehnenverletzungen sehr typisch. Da die Schockabsorption geringer ist, können aber auch Gelenksschäden entstehen. Diese sind dann aber nicht so katastrophal, dass man sie gleich nach einem Rennen bemerkt, sondern sie verschlimmern sich mit repetitivem Trauma, also bei wiederholter Überbelastung. Man kann sagen, dass bei hartem Boden die Belastung für den gesamten Bewegungsapparat deutlich grösser ist, was zu akuten Verletzungen aber längerfristig auch zu Verschleisserscheinungen führt. Bei unregelmässig tiefem Boden sind ebenfalls vorwiegend die Sehnen betroffen, eben durch Fehltritte. Ich glaube aber nicht, dass sich ein gesundes Pferd durch einen Fehltritt einen Sehnenschaden zuzieht. Hingegen passiert es, dass ein zuvor kerngesundes Pferd bei harten Bodenverhältnissen mit einem Sehnenschaden von der Bahn kommt.

Die Pferdeärztin bei ihrer täglichen Arbeit. – Foto: zvg

Die Pferdeärztin bei ihrer täglichen Arbeit. – Foto: zvg

Immer wieder wird bei den Pferden von so genannten Bodenspezialisten geredet. Also von Pferden die entweder auf sehr festem Boden ihre Topresultate abliefern oder von so genannten «Sumpfhühnern» die auf tiefem Boden reüssieren. Ist die Gefahr, dass sich ein solcher Bodenspezialist verletzt geringer, wenn er auf seinem bevorzugten Untergrund laufen kann oder ist das Risiko auf hartem wie auch auf tiefem Boden gleich gross, egal ob ein Pferd von der Lauftechnik her besser oder schlechter damit umgehen kann?

Ich glaube das Risiko einer Verletzung ist nicht davon abhängig welchen Boden das Pferd bevorzugt. Wie bereits oben erwähnt, ist das Risiko bei hartem Boden für alle Pferde erhöht. Wenn ein Pferd tiefen Boden nicht mag, dann bremst es vermutlich einfach, was wiederum eher protektiv ist. Und ältere Pferde gehen vielleicht nicht voll ans Limit wenn der Boden zu hart ist.

Alle Aktiven sollten gemeinsam Verantwortung übernehmen

Du bist früher selber Rennen geritten, sicher auch oft bei kritischen Bodenverhältnissen. Kann die oder der ReiterIn das Verletzungsrisiko des Pferdes beeinflussen, wenn sie oder er gleichzeitig auch die Siegchance wahrnehmen muss?

Der Reiter kann das Verletzungsrisiko in einem «normal» und vernünftig gerittenen Rennen nicht beeinflussen. Er beeinflusst es aber fahrlässig, wenn er risikoreich reitet und deswegen stürzt oder «Rempeleien» verursacht. Und ein guter Reiter merkt im Falle einer Verletzung vielleicht schneller, dass mit dem Pferd etwas nicht stimmt und lässt es in Ruhe. Aber das ist unabhängig von den Bodenverhältnissen.

Hast du dich als Reiterin einmal geweigert, bei – aus deiner Sicht – unakzeptablen Bodenverhältnissen in den Sattel zu steigen? Kann man sich das als Jockey überhaupt leisten oder ist man – wenn man einen solchen Entscheid als ReiterIn trifft – gleich weg vom Markt und wird nicht mehr gebucht?

Ich hatte das Glück immer für vernünftige Trainer zu reiten und musste mich nie weigern. Aber ich glaube, es wäre manchmal gut, wenn alle Reiter zusammen halten würden und solche Entscheidungen gemeinsam treffen würden. Das funktioniert in Ländern wie England sehr gut. In der Schweiz leider nicht. In St. Moritz hatten sich die meisten Reiter geweigert, nach dem mehr als gefährlichen GP nochmals auf der Rundbahn zu reiten. Die Rennen wurden dann aber sowieso nur noch über 800 m gelaufen. Und am Night Turf haben sich auch zwei Reiter geweigert im Promiskijöring in den Sattel zu steigen. Ich glaube man hatte für die zwei mehr Verständnis als für die Reiter, die das Risiko für sich und die Pferde in Kauf genommen haben… Zum Wohle der Pferde und auch zur Sicherheit der Aktiven ist es wichtig, dass alle mitdenken und nicht die Verantwortung abschieben.

Wie siehst du die Bodenproblematik aus Sicht der Besitzerin? Wenn du Pferde am Start hast und der Boden in fragwürdigem Zustand ist, entscheidest du zusammen mit deinem Trainer Miro Weiss, ob deine Pferde laufen oder verlässt du dich auf die Einschätzung und den Entscheid des Trainers?

Ich denke natürlich mit und schiebe die Verantwortung nicht einfach ab. Aber auf meinen Trainer kann ich mich blind verlassen. Im Übrigen sind wir in solchen Belangen 99.99 Prozent gleicher Meinung. Und manchmal fragt auch er mich um Rat. Oberstes Gebot ist immer die Sicherheit. Der Trainer muss den Besitzer beraten, er ist der Profi, der Sachverständige. Selten habe ich einen enttäuschten Besitzer gesehen, weil der Trainer das Pferd aus Sicherheitsgründen zurückgezogen hat. Umgekehrt ist es für den Trainer sicher schwierig, wenn er unter Druck des Besitzers steht, ein Pferd bei prekären Verhältnissen laufen zu lassen.

Befürwortest du als Pferdeärztin, dass Rennen bei hartem oder sehr tiefem Boden «nur» unter erschwerte Bedingungen gestellt werden oder setzt du dich dafür ein, dass in solchen Fällen die Renntage konsequent abgesagt werden? Denn es gibt ja auch das Problem, dass ein Trainer Pferde zurückziehen möchte, die Besitzer aber unbedingt laufen lassen wollen.

Ich bin dafür, dass harter Boden absolut verhindert wird. Leider haben die Rennvereine da manchmal eigene Vorstellungen. Dann sollten die Trainer konsequent zurückziehen, auch ohne erschwerte Bedingungen. Bei sehr tiefem Boden bin ich für erschwerte Bedingungen, nicht wegen dem Verletzungsrisiko, sondern weil einfach nicht alle Pferde damit zurechtkommen. Bei solch gefährlichen Bedingungen wie in St. Moritz dieses Jahr, wünschte ich mir eine konsequentere Haltung, sowohl vom Veranstalter wie auch von der Rennleitung. Beide haben sich die Verantwortung gegenseitig zugeschoben. Der grosse Preis hätte nie auf der Rundbahn gelaufen werden dürfen. Mit der deutlich sichereren Alternative über 800 m hatten sich die Aktiven schon bei der Starterangabe abgefunden. Wenn man sich das Video anschaut, sieht man, dass ein Pferd in Führung strauchelt und fast zu Boden geht, was zu einem Massensturz hätte führen können. Im Skikjöring bin ich auch überzeugt, dass die Pferde am Start so kreuz und quer galoppiert sind, weil sie in dem tiefen Boden einfach keinen Halt gefunden haben. Solche Szenen dürfen sich im Schweizer Rennsport nicht wiederholen.

Wenn ein Trainer ein Pferd zurückziehen will, bin ich der Meinung, dass er das ohne Bewilligung vom Besitzer tun kann. Er trägt die Verantwortung für das Pferd, dafür hat er einen Auftrag vom Besitzer erhalten. Umgekehrt sollte ein Besitzer ein Pferd auch jederzeit selber zurückziehen können.

Als letzte Frage: Gibt es den perfekten Grasbahnboden für Pferderennen und wenn ja, wie ist der beschaffen?

Der perfekte Grasboden hat einen guten Aufbau und eine gute Drainage, er hat eine nicht zu kurze und nicht zu lange aber dafür eine dichte Grasnarbe. Er sollte im Penetrometer etwa einen Wert von 3.5 haben und über die ganze Bahn regelmässig sein. Aber perfekt im Sinne von Pferderennen kommt in der Natur leider kaum vor.

Herzlichen Dank, liebe Annina, für deine fachkundigen Ausführungen.

Fortsetzung folgt

In einem zweiten Beitrag zum Thema Bodenbeschaffenheit wird Res Minder, der Rennbahnchef der Osterrennen Fehraltorf erklären, wie er und sein Team versuchen, den perfekten Grasbahnboden zu präparieren und wo die Schwierigkeiten bei der Umsetzung liegen.

1 Kommentar

  1. Maria Leibundgut

    Bravo Annina – ich kann deine Aussagen zu 100 % unterstützen.

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